Facebooks Börsengang, V0.3a

Original-Veröffentlichung: 2011-1204

Wie passt der Börsengang von facebook zur These, dass facebook den neuen Faschismus bringt?

Beide passen perfekt zusammen.

Seit gut einem Jahr heisst es: Facebook will an die Börse gehen. Wenn 1% der inzwischen 800 Millionen Facebook-Nutzer zeichnen, sind das 8 Millionen Anteilseigner. Wenn jeder einen Anteil für 1000 Euro zeichnet, ist das eine Einnahme von 8 Milliarden, von 10 Milliarden ist in den Berichten die Rede. Das ist viel Geld, um weitere verführerische Bespitzelungstechniken für die davon sich wenig irritiert zeigenden facebookerianer zu entwickeln. (Manager-Magazin zum Börsengang / Spiegel-Online zum Börsengang)

Aber etwas anderes ist aus meiner Sicht an diesem Börsengang mindestens genau so wichtig zu bedenken: Es gäbe dann 8 Millionen Menschen, die nicht mehr nur Nutzerkunden, sondern Miteigner von facebook wären, die damit ein massives Interesse haben, dass es Facebook gut geht. Vergleicht man diese Konstruktion zum historischen Faschismus, dann braucht es keinen Überverführervater mehr, es braucht auch keine Imagination eines Volkskörpers, auf die die Kollektivmitglieder einzuschwören sind. Eine Aktiengesellschaft mit einer derartig breit gestreuten Massenbasis ist eine geradezu fantastische Konstruktion, um sowohl in ökonomischer als auch politischer und kultureller Hinsicht weiterhin noch erfolgreicher als bislang durch brainwashing Gefolgschaft einfordern zu können. (Das brainwashing funktioniert deshalb, weil facebook seinen Nutzern zu halten verspricht, was jeden interessiert: Kontrolle über die eigene Reputation zu haben und andere besser beobachten zu können als selber beobachtbar zu sein. facebook ist die Inkarnation von Macht über andere. Und das bedeutet, mit Foucault gewendet: Die Motivlage ist Sex, die Methode ist das Panopticum.)

Die Facebook-Ideologie wird in Deutschland durch eine lautstarke Spackeria verbreitet, die sich selber als Kommunikations- und Politikavantgarde inszeniert. Flankiert wird das naive, analytisch und visionär talentbefreite Treiben weniger Datenschutzkritiker durch Medienanwälte, die die Interessen der großen Industrie durchzusetzen bereit sind und ohnehin jeder staatlichen Deregulierung das Wort reden, um mit Verträgen ungleich leichter ihre einseitigen Risikoabwälzungen durchzusetzen. Die Staatskanzlei Schleswig-Holstein kämpft ebenso wie viele Webseitenbetreiber mit “Like-It-Button” dafür, facebook weiterhin Daten anliefern zu dürfen, wenn sie doch dafür nur ihre insights bekommen. Facebook ist der Führer, und fast alle folgen. Und alle facebookerianer sind dann auch unmittelbar zum Führer. Facebook ist das organisierte Gleichschalten aller gesellschaftlich bislang voneinander unabhängig agierenden Organisationen und Funktionen, im polit-ökonomischen Interesse von facebook. Mit der dann absolut schlüssigen Ideologie, dass privacy, als Schutz des Bürgers vor überstarken Organisationen wie facebook, old school sei. Herr Zuckerberg ist reich, und die CIA agiert als Welt-Gestapo und -Stasi zugleich, lenkt zentral die Staaten und Organisationen dieser Welt und hält die Ich-schwachen facebookerianer (“Salatköpp”, danke SPIEGEL) durch weitere schöne Spiele bei guter Laune.

Kulturell geht dies einher mit einer Umwertung aller Werte (Nietzsche): So schleicht es sich als akzeptabel und normal ein, dass der facebook/CIA alles belauschen kann und vermutlich auch belauscht und auswertet. Die Opfer liefern selber ein, das ist sozialtechnologisch so genial wie die Quasi-Selbstorganisation der KZ, deren tödlicher Betrieb von relativ wenigen Wachleuten aufrecht erhalten wurde. Es stellt sich kein Schrecken darüber mehr ein. Denn es wird nur die individuelle Betroffenheit gesehen. Weist man in Gesprächen darauf hin, dass facebook in seinen AGBen das Briefgeheimnis nicht achtet, wobei diese Transparenz allein schon als datenschutz-compliant herhalten soll, erfährt man lapidar: Man selber sei ja viel zu uninteressant und liefere außerdem kaum Daten an, man wolle doch nur bequem mitbekommen, wo die nächste Party sei. Der bislang erschreckende Umstand des Universalbelauschtseins verliert seinen Schrecken, weil das Schreckenswürdige nicht mehr strukturell gewendet werden kann, “Ich und mein Magnum”. Es wird eine Abgeklärtheit demonstriert, dass man ohnehin davon ausgehe, dass Geheimdienste alles mitläsen und sowieso nur das passiere, was letztlich die Globalplayer wollen. Die facebookerianer richten sich so in den faschistoiden Verhältnissen ein. Das ist ein Einrichten, wie es unter den Nazis und den Primitivstaatsozialisten ein notwendig alltägliches Verhalten von Menschen war. Es gibt weder einen Aufschrei, wenn darüber berichtet wird, dass seitens amerikanischer Unternehmen im Modus der Selbstverständlichkeit, schlicht unter Hinweis auf den patriot act, auf Dateien in Cloudspeichern zugegriffen wird oder millionenfach bei Smartphones mitgelesen wird oder zumindest gelesen werden könnte. Es gibt nur ein müdes journalistisches Abhandeln, etwa im Heise-Verlag, der inzwischen auch lieber das facebook-Lied singt und Datenschutz als veraltet jagd. (Carrier-IQ). Da agiert DER SPIEGEL schon bissiger, wenn er schreibt (DER SPIEGEL, Nr.49/5.12.2011): “Facebook ist keine Internetfirma, sondern ein Quasi-Staat im Internet.” (S. 80) Der sogar eine eigene Währung ausgibt. “Wer bei Facebook ist, soll alles, was er im Internet tut, bei Facebook tun. Das ist der Plan.” (S. 75) Das ist die Simulation der Gesellschaft in den Grenzen einer Organisation. Und das ist Faschismus.

Es gibt aus meiner Sicht unter keinen Umständen eine Rechtfertigung für Zugriffe von SocialWeb-Betreibern, von Geräteherstellern, Netzwerkprovidern oder Staaten auf die Daten von Personen, zumal auf Geräten, die Eigentum der Personen sind. Die Verantwortlichen solcher Spitzel-Organisationen agieren kriminell und sind schlicht entsprechend zu behandeln. Das sind keine Kavaliersdelikte, nur weil sie massenhaft und inzwischen als eingeschliffene Routinen passieren. Es werden Bürgerrechte außer Kraft gesetzt. Damit brechen soziale Schutzdämme, politisch, kulturell, rechtlich, weltweit in den modernsten Gesellschaften. Es ist so, als ob wir uns daran gewöhnen sollen, dass moderne Gesellschaften, die sich vollkommen von Kommunikationstechniken abhängig machen, nur um den Preis der Vollüberwachung zu haben seien. Anonymität ist Grundfunktionalität im Markt, bei politischen Wahlen, im freien Diskurs. Wer diese bislang gesellschaftlich bestehende Anonymität solcher Strukturen unterläuft, indem er sich bspw. durch automatisiertes Verschaffen von Passworten Zutritt zu persönlichen Kommunikationen verschafft, so wie es facebook bei der Anmeldung eines neuen Accounts macht, unterläuft die Quellen der Freiheit und Selbstbestimmtheit von Personen. Das ist kriminelle, strukturelle Gewalt.

Im weltweiten Vergleich scheint es dabei noch so, als ob in Deutschland der Widerstand gegen facebook und google noch am ausgeprägtesten ist. Was in England offenbar auf Verwunderung trifft. Dort wird in einem Bericht über Deutschlands Krieg mit facebook und google auf den Umstand hingewiesen, dass Deutschland historisch über besondere Erfahrungen in Bezug auf Faschismus verfügt. Aufallend sei, dass andere Staaten nicht wie Deutschland zumindest ein bischen auf Distanz zu den Aktivitäten von facebook und google gehen, stattdessen suchen sie deren Nähe. Nicht nur China sondern offenbar auch Frankreich haben ein Agreement, dass Sicherheitsbehörden jederzeit und ungehindert an gewünschte Daten herankommen. Unter Letztentscheid und Aufsicht von facebook, logisch. Der Autor beginnt darüber zu spekulieren, dass andere Länder dem deutschen Beispiel folgen könnten. Und zwar beschämt, weil so spät aufgewacht. (Deutschlands Krieg mit facebook und google)

Inzwischen wurde ich darauf hingewiesen, dass sich die Autoren des Spiegel-Artikels vermutlich bei einem ebenso lesenswerten Artikel der fastcompany bedient haben dürften (The Great Tech War Of 2012).

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