Moderne Faschismus-Indikatoren, V0.2a

Original-Veröffentlichung: 2011-1204

Handelt es sich wirklich um Faschismus, was da mit den globalen SocialWeb-Platforms facebook und google aufzieht?

Ja.

Man wird einen neuen heraufziehenden Faschismus nicht bequemerweise daran erkennen, dass er sich erst einmal anhand von industriell verfertigten Massenmorden an einer Bevölkerungsminderheit von 6 Mio Menschen und bis zu 70 Millionen Kriegstoten ausweist. Und der vielleicht noch bequemer anhand eines “Führers” erkennbar auftritt, der sich zweifelhaft benimmt und vielleicht sogar einen Schnauzbart trägt, damit man so gar keinen Zweifel mehr haben muss, dass es sich um einen wirklich ganz bösen Despoten handelt. Man muss realistischerweise damit rechnen, dass ein neuer Faschismus ganz anders als bisher und doch so wie der alte den Zeitumständen entsprechend verführerisch daherkommt.

Zentrale Indikatoren eines “neuen” Faschismus, an dem man ihn erkennen könnte, könnten die folgenden sein:

  • Eine totale Ideologie, z.B. der nach der totalen Transparenz der Menschen gegenüber Organisationen,
  • keine Gewaltenteilung dort, wo die Regeln des sozialen Zusammenseins erdacht, entschieden und ausgeführt werden. Die Exekutive dominiert, qua effektiver Technik und Automatismen. Die Kontrolle der Exekutive ist undurchsichtig.
  • keinen Marktmechanismus, denn Angebot und Nachfrage sind möglicherweise qua Überwachung durchkalkuliert oder da technisch zugänglich durchkalkulierbar,
  • keinen freien politischen Diskurs, weil eine zentrale Distanz entscheiden könnte, war zugelassen ist und was nicht. Foren werden im Zweifel vom Provider ansatzlos geschlossen.
  • keinen freien Diskurs in Wissenschaft und Kunst, weil immer Unsicherheit darüber bestehen muss, ob tatsächlich nur der stumme Zwang des besseren Arguments oder der schöneren Anmutung den Ausschlag gibt und nicht der Provider, über dessen Infrastruktur kommuniziert wird,
  • keine Achtung der Bürgerrechte, und z.B. kein Briefgeheimnis mehr gilt und keine Unverletzlichkeit der eigenen Domäne,
  • keine Medienfreiheit, weil die Zulassung eines jeden neuen “Senders” und “Empfängers” vom zentralen Provider zugelassen werden muss oder eben nicht
  • Spitzeltum, wenn Plattformbetreiber sowie die vom Plattformbetreiber abhängigen Sicherheits- und Geheimdienste, Marketingsabteilungen, Sozialversicherungen, Energie- und Ökoregulatoren, Psycho- und Sozialforschung sämtliche Kommunikationen, Inhalte und verbindungen, im Grundsatz von einem Punkt aus beobachten können, über die Preisgabe von Informationen, über die Qualität preisgegebener Informationen, deren Integrität, Validität und Reliabilität, entscheiden.

Entscheidend: Eine zentrale Organisations-Instanz bestimmt allein sämtliche Regeln der gesellschaftlichen Kommunikation, der Kommunikation zwischen Organisationen und Personen sowie bei Interaktionen von Personen. Sie bestimmt was zu zusehen ist und was nicht.

Man halte das Ausweisen dieser Eigenschaften eines Neuen Faschismuses gegen das Licht der Wikipedia-Einträge zu Totalitarismus und Faschismus.
Wikipdia zu Faschismus

Dabei könnten die folgenden Prüf-Überlegungen angestellt werden:

  • Sind die obigen Bestimmung, in Bezug auf die Wikipedia-Ausführungen, auf eine angemessene Weise abstrahiert und konzentriert?
  • Sind die verbliebenen Differenzen zwischen obiger Bestimmung und den historisch-empirischen Bestimmungen (Wikipedia nennt Arendt, Kielmansegg, Friedrich/Brzezinski) dem Umstand geschuldet, dass es sich um eine neue Form des Faschismuses handelt, aber der alteingeführte Begriff kann trotzdem genutzt werden?
  • Sind die Differenzen des historischen und des neuen Faschismuses doch so stark ausgeprägt, dass ein neuer Begriff zu rechtfertigen ist bzw. eingeführt werden sollte? Zum Beispiel der des Global-Fundamentalismus?

Im Moment scheint mir der Begriff “Faschismus” angemessen zu sein, weil er inhaltlich schon mal Vieles auf einen bekannten und reflektierten Begriff bringt und somit zunächst für eine Wiedererkennbarkeit sorgt. Natürlich hat er auch eine noch immer funktionierende Alarmierungsfunktion und sorgt (bislang noch) für Aufmerksamkeit.

Um es scharf soziologisch in Bezug zu facebook zu formulieren: Es handelt sich hierbei um eine Simulation von Gesellschaft (“alles scheint möglich zu sein”) in Organisation (“facebook” und wer immer dahinter steckt) mit den Mitteln der Interaktion (“Quatschen in der Welt der Freunde”). Oder wie der Spiegel formuliert (DER SPIEGEL, Nr.49/5.12.2011, S. 75): “Wer bei Facebook ist, soll alles, was er im Internet tut, bei Facebook tun. Das ist der Plan.” (Der Spiegel-Artikel ist unbedingt lesenswert.) Das “alles” sollte man Ernst nehmen.

Ein Gedanke zu „Moderne Faschismus-Indikatoren, V0.2a“

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