Prof. Sandel empfiehlt Scheisse

V1.2

Ich bin soetwas von genervt, wenn man in führenden deutschen Publikationskanälen amerikanische Pop-Philosophen für ihre, wohlwollend formuliert, trivialen Äußerungen feiert; diese gehören aufs Schärfste kritisiert.

Konkret denke ich an die jüngsten Äußerungen von Prof. Sandel, wie sie in der Süddeutschen Zeitung und bei Heise wiedergegeben werden (Sandel in der SZ / Sandel bei Heise).

Herr Sandel offenbart zum unendlich xten Male: Amerikaner kennen konzeptionell keinen Datenschutz. Datenschutz bezeichnet die grundrechtlich legitimierte, technisch-organisatorische Konditionierung einer strukturellen Machtasymmetrie zwischen übermächtigen Organisationen und den davon betroffenen Personen.

Die von Herrn Sandel aufgeworfenen Fragen, die er unfassbar unoriginell für noch nicht gestellt ausgibt und die er von Ethik und Diskurs behandelt wissen möchte, sind in Kontinentaleuropa bereits rechtlich beantwortet. Kontinentaleuropa steht nicht nur zur Beantwortung von Fragen, sondern zur Lösung der unkenntlich gemachten Konflikte keine für moderne Gesellschaften unterkomplexe bloße Moral, keine folgenlose ethische Reflexion, sondern sanktionierbares, demokratisch erzeugtes Recht zur Verfügung (das allerdings nicht durchgesetzt wird, allein darin besteht das vordringliche Problem Herr Sandel)! Nicht die Automaten sind das Problem, sondern die Organisationen, die die Automaten ingang halten. Herr Sandel müsste dieses rechtliche Niveau der Durchdringung erst einmal erreichen, um überhaupt aussichtsreich fruchtbar und anregend in den möglichen europäischen Diskurs zu dessen möglicherweise anstehenden Änderung einsteigen zu können. Stattdessen ziehen die Reflexionen und Empfehlungen bspw. über autonomes Fahren, wie sie den Berichten zu Herrn Sandel zu entnehmen sind, dieses zumindest konzeptionell hohe europäische Niveau herunter. Damit spielt der vermeintlich kritisch auftretende, aber am Ende nur folgerichtig moralisierende Herr Sandel, den global agierenden Organisationen aufs Feinste in die Karten.

Nachklang

Ich wurde von geneigten LeserInnen inzwischen mehrfach darum gebeten, den vulgären Titel zu ändern. Dieser Titel ist mir nicht im Modus eines “huch” passiert. Ich finde es großartig, wenn Worte offenbar noch immer magische Aufladungen enthalten. Diesen Effekt des (negativ) Berührtseins mitzunehmen ist mir wichtiger als jeder Retweet. Als Sammler von in der Geschichte der Menschheit bislang nur selten verlautbarter Sätze bin ich zudem geneigt, mich an eigenen, zumindest rhythmisch und prosodisch gelungenen Beiträgen zu versuchen.

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