Rezension des Buches: “Aleksandra Sowa: Digital Politics”

V1.1b

Aleksandra Sowa, 2017: Digital Politics – So verändert das Netz die Demokratie – 10 Wege aus der digitalen Unmündigkeit, Dietz-Verlag, 184 Seiten, 14.90 (Gliederung und Leseprobe / Interview mit Autorin)

Ich nahm vor wenigen Tagen an einem Stelldichein insbesondere hochschulnaher Startups in Kiel teil. Gut 40 Personen waren im Raum, es waren vier Vorträge a 12min30 angekündigt, wir saßen auf spontan aus den verschiedenen Büros zusammengetragenen Stühlen. Im Gespräch mit meinem linken Sitznachbar erfuhr ich, dass er aktuell eine App entwickle “mit KI”. Und auch mein rechter Sitznachbar war ein Softwareentwickler, das Projekt war ungleich größer, und er endete ebenfalls mit dem Hinweis auf “KI”. In beiden Fällen guckten mich meine Gesprächspartner zum Schluss ihrer Kurzvorstellungen fest an und erwarteten wohl, dass ich mich beeindruckt zeigte, wegen “der KI”. Stattdessen musste ich mir beim zweiten Mal das Lachen verbeißen… So so, was mit “KI”. Das erinnerte mich an die vollmundigen Ankündigungen von Marvin Minski Ende der 60er Jahre zur automatisierten Sprach-Übersetzung.

Wie man heute cool und nicht-geschichtsvergessen KI-Themen thematisiert, zeigt die Autorin Aleksandra Sowa in ihrem neuen Buch “Digital Politics”, das ich in zwei Leseportionen verschlang. Die Autorin hat mich thematisch bestens mit einem perfekten Sound abgeholt.

Das Buch lässt sich leicht lesen und quillt trotzdem vor neuen und wirklich interessanten Thesen und überzeugenden Urteilen nur so über. Wie bekommt man soetwas hin? Sowa setzt beim Leser einige Kenntnisse voraus, die man inzwischen auch voraussetzen darf. Mir war bspw. nicht klar, dass man Weizenbaums Eliza nicht nur nicht mehr vorstellen muss, man DARF Eliza nicht mehr vorstellen, wenn man nicht langweilen will. Dass man derartig anspruchsvoll und trotzdem nicht anstrengend schreiben kann, habe ich aus diesem Buch gelernt. Sowa setzt bspw. voraus, dass ein* Leser*in weiss, was ein Turing-Test ist, auch den muss man nicht mehr erklären. Sie setzt darauf, dass man den Witz schlicht kapiert, wenn einem intelligent erscheinenden Irgendwas ein Apfel in die Hand(?) gedrückt wird, um beobachten zu können, wie dieses Irgendwas diesen Apfel ißt(?). Ihre These: Selbst ein solch anspruchsvolles Test-Setup würde heutzutage nicht dazu führen zu klären, um was es sich bei diesem Irgendwas handelt, um einen Menschen oder eine Maschine. Wow, ist die Robotik derart anspruchsvoll geworden? Allein diese Apfel-These war mir Anregung genug, das Setup eines weiteren anspruchsvollen Turing-Tests leichtsinnig spontan auszuweiten (so geschehen bei Twitter unter @Martin_Rost).

Anderes Beispiel: Im Kontext von Big Data hält sich die Autorin nicht lange dabei auf, die Unterscheidung von Korrelation und Kausalität zu erklären. Und wieder, Sie hat Recht, man darf von Menschen, die sich für das Thema der gesellschaftlichen Änderungen durch die Durchdigitalisierung interessieren, vollkommen zu Recht erwarten, dass ihnen diese Unterscheidung für die Bildung bspw. von Prognosen geläufig ist. Insofern reicht der Autorin ein Satz zu dieser Unterscheidung, um gleich zur These vorzustoßen, dass aufgrund positiver Korrelationen bessere Effekte erzielbar seien als aufgrund eines europäisch kultiviert theoriegestützten Zugangs zur Welt. Was dann aber genau nicht heißen muss, dass die Autorin deshalb auch das Einschlagen des robusten amerikanischen Wegs empfiehlt.

Ich weiss an einigen Stellen nicht, welche Großthese Sowa unter der Hand verfolgt oder welchem politischen Framing sie selber unterliegt. Das Buch ist schlicht intellektuell reizvoll und auf eine gute Art unterhaltsam. Vielleicht aber doch bemerkenswert: Das Buch ist im Dietz-Verlag erschienen, was politisch ein Statement sein dürfte.

Noch ein Beispiel für den den Thesenreichtum dieses Buches. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das Nachfolgende genau so im Buch stand oder es inzwischen mein fortgesponnener Reim darauf ist. Es kommt aber auch gar nicht darauf an, die Urheberschaft zu klären, zumal das Buch zu einem außergewöhnlich großen Anteil aus Zitaten anderer Autor*innen besteht. Kann man einer Autorin ein größeres Kompliment machen als das, dass man die Thesen eines Textes dem eigenen Repertoire zuschlägt und sofort variiert? Sowa stellt die Idee vor, dass sich das Maß an Repräsentativität eines Parlaments durch Auswürfeln der Parlamentarierer verbessern ließe. Ja, was für eine schlagend überzeugende Idee! Sowa erwartet wieder von ihren Leser*innen zu wissen, dass ein besonders hohes Maß an Repräsentativität einer Untermenge durch ein besonders gutes Maß an Zufall beim Ziehen aus der Grundmenge generiert werden kann. Ein solches Szenario zur Bildung von Repräsentativität wird im Kontext der Digitalisierung sämtlicher Kommunikationen zu Entscheidungen denkbar. Dass die Filter der politischen Parteien zum Erreichen von Repräsentativität im Parlament schlecht sind, ist klar. Klar ist auch, dass die praktische Umsetzung des Vorschlags kompliziert wäre. Aber dass Digitalisierung nicht nur trivialerweise eine direkte Demokratie denkbar werden lässt, sondern auch zur Steigerung der Qualität von Repräsentativität führen könnte, dieser Gedanke war mir bislang nicht gekommen.

Dass ich viele Thesen des Buches originell finde, liegt natürlich an meinem kleinen Horizont. Aber es sind so viele Thesen enthalten, dass es einfach wahrscheinlich ist, dass für jede* Leser*in einige interessante dabei sein müssen. Ich könnte hier auch noch jede Menge weiterer Thesen vorstellen und ausführen… aber wozu? Mensch lese dieses Buch.

Zuletzt noch ein kritischer Punkt: Es ist klar ersichtlich, dass die Autorin sich bevorzugt im Kontext spannender Asimovscher Regeln und Einsichten bewegt. Damit hat sie einen ganz offensichtlich relevanten und anregenden Kontext aufgespannt. Ich wünschte mir jedoch für eine hoffentlich bald erfolgende überarbeitete Neuauflage, dass die Frage, wie zukünftige IT-Systeme für eine moderne (also: funktional-differenzierte) (Welt-)Gesellschaft zu gestalten wären, in einem weiteren Kapitel bearbeitet wird. Das Kapitel müsste “Grundrechte” und deren Operationalisierung durch Datenschutz behandeln. Denn die gut abgehangenen Grundrechte bspw. der EU-Grundrechtecharta bilden ein Prinzipienset, dessen ideenleitende Bedeutung für eine vernünftige Gestaltung von IT-Systemen bislang kaum hinreichend erfasst wurde.

Ich habe jedenfalls schon mal grob die Weihnachtsgeschenksituation überschlagen und gleich 5 Exemplare bestellt. Man muss schon was dafür tun, um mit Freunden über die wirklich interessanten Themen diskutieren zu können.

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